MUNICH NOIR

DER KOPIST

Eine Munich Noir Novelle

»Wir atmen zusammen. Dann helfe ich Ihnen.«

Leseprobe

Kapitel 1: Die Tote

3 Minuten Lesezeit

München. November. Föhn.
Die Stadt glitzerte wie ein Blutdiamant.

Im Osten, jenseits der Isar über die Prinzregentenbrücke: Bogenhausen. La Boheme. Schein. Sein.
Im Süden: Grünwald. Villen. Stille. Geld.
Im Westen: Sendling. Schlachthof. Schweiß. Stolz.
Im Norden: Hasenbergl. Beton. Lärm. Gewalt.
Schwabing, das Bussi-Bussi-Viertel. Mittendrin: der Tod.

Montag, 24. November, 08:12 Uhr, Türkenstraße, Ecke Georgenstraße

Die Tote saß in einem Kreis aus Kreide. Blonde Haare, ordentlich zusammengebunden.
Ein Zopf. Wie ein Schulmädchen.
Blaue Augen.
Getrocknete Tinte.

Kommissar Hans von Barbeleben schob die Tür zum Wohnzimmer weiter auf. Von der Klinke sprang ein Funke, schlug ihm auf die Hand.

»Verdammter Föhn.«

Er trat über die Schwelle ins Wohnzimmer. Die Tote roch nach altem Papier. Staub. Trocken. Ihre Haut spannte sich wie Pergament über ihr Gesicht. Ihren nackten Körper. Ihre Rippen. Barby trat näher. Ihre Augen standen offen. Sanfter Blick. Ohne Leben. Der Kreidekreis wirkte grell auf dem dunklen, geölten Holzparkett. Hinter Barby: Schritte. Er drehte sich um. Brandl, Kriminaltechniker.

»Servus Barby.«
»Servus Brandl.«

Brandl blickte auf die Tote.

»So eine Schande. So jung.«

Er kratzte sich am Hals.

»Sitzt aufrecht da. Kerzengerade. Wie geht das?«

Barby sagte nichts. Brandl holte seinen Notizblock hervor:

»Name der Toten: Marie Senger. 24 Jahre.«

Barby blickte auf den Tisch in der Ecke des Zimmers. Ordentlich gestapelte Bücher.

»Studentin?«

»Hmmh. An der LMU, forensische Psychiatrie. Ihre Eltern haben sie als vermisst gemeldet, sie war nicht wie üblich am Sonntag zum Familienbrunch erschienen. Keiner hat sie erreicht.«

»Wer hat sie gefunden?«

Brandl tippte mit dem Stift auf die Seite.

»Ihre Eltern hatten den Hausverwalter gebeten nachzusehen, hat sie so gefunden.« Er deutete mit dem Stift auf den toten Körper.

Brandl blätterte weiter.

»Sie scheint verdurstet zu sein.«

»So so«, Barby blickte weiter auf die Tote.

»Aber... schau mal, die Haut. Die ist extrem trocken.«

»Hm Hm.«

Barby zog einen Gummihandschuh über die rechte Hand. Fuhr mit dem Zeigefinger über die Haut der Toten. Hautschuppen rieselten im Sonnenlicht zu Boden.

»Barby, das hier war in einer Schublade im Schreibtisch.«

Barby dreht sich um, Brandl hielt eine durchsichtige Plastiktüte hoch. Zwei blaue Pillen.

»Vermutlich Ecstasy. Nach der Blutanalyse wissen wir, wie lange sie im Rausch war. Offensichtlich lange genug, um zu verdursten.«

»Offensichtlich.«

Durch das geöffnete Fenster drang das Schreien eines Kindes in die Wohnung. Sonst Stille. Stilles Schwabing. Kaltes Föhnlicht schien schräg auf die Kanten des Altbaustucks. Schnitt wie ein Messer am Körper der Toten. Zu grell für November. Barby kniete sich hin. Knacken im Rücken wie trockenes Holz. Er blickte am Körper der Toten herab.

Die Wohnung.
Die Tote.
Perfekt in der Mitte des Kreises. Perfekt in der Mitte des Raumes.
Alles zu ordentlich.
Passte nicht zu Drogentod.

Barby beugte sich weiter vor. Hielt inne. Blickte auf den Kreis.

Näher.
Er hielt den Atem an.
Noch näher.
Atmete langsam aus.

»Schau' mal.«

Brandl beugte sich vor, sein Blick folgte Barbys ausgestrecktem Finger.

»Ja?«

Barby zeigte neben den rechten Fuß der Toten.

»Der Kreis zuckt an dieser Stelle ganz leicht nach außen.«

»Und?«

Barbys Finger fuhr den Kreidekreis entlang.

»Hier. Ein weiteres Zucken im Kreis.
Und hier.
Hier.
Hier.«

Brandl schaute Barby an.

»Da sind kleine Ausschläge, alle 3 Zentimeter.«

»Ja, hatte sie wohl 'ne zittrige Hand. Kein Wunder.«

»Die Wohnung ist zu ordentlich für einen Tod im Drogenrausch. Und das Zucken alle drei Zentimeter. Wie gewollt und nicht gekonnt.«

»Wenn Du Hauptkommissar Weber mit Zuckungen in einem Kreis kommst, lacht der Dich aus. Für ihn wird das hier klar sein. Weißt' doch: ›Fall zu. Fertig. Nächster.‹ Wie immer.«

Wie immer.
Barby drehte sich weg.
Hustete. Trocken, hart.
Ein roter Punkt auf seinem Ärmel. Blut.
Er rieb ihn weg.
Wie immer.

...

Ein Drogentod? Barby glaubt kein Wort.

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